Volker Saul | Reinhard Buskies im Katalog zur Ausstellung WYSIWYG im Kunstverein Bochum vom 12.5. bis zum 30.6.2013

In seinem umfangreichen Werk, das schwerpunktmäßig der Zeichnung sowie Papier- und Metallschnitten, aber auch der Wandmalerei gewidmet ist, spürt Volker Saul mit besonderer Konsequenz bildnerischen Möglichkeiten zwischen assoziativer Wirksamkeit und gegenständlicher Unbestimmtheit nach. Wie übergroße Bildzeichen und zugleich geheimnisvolle Chiffren stehen Sauls Formfindungen auf der Wand, präzise konturierte, in ihrer Oberfläche meist homogene und oftmals einfarbige Gebilde, die sich signifikant vom Untergrund abheben und dem Betrachter mit stupender Faktizität vor Augen. In den Metallschnitten, von denen vier in der Ausstellung zu sehen sind, steigert sich dieser Eindruck nochmals. Von computergesteuerten Laser-Schneidemaschinen mit höchster technoider Präzision aus Aluminiumblechen geschnitten, bewegen sich Sauls eigentümliche Formfindungen hier in einem Zwischenreich von Bild und Objekt, treten gleichsam an die Schwelle einer ästhetischen Grenzlinie, welche zwischen der imaginären Sphäre des Bildes und dem faktischen Betrachterraum zu ziehen wäre.

Sauls Werken ist eine spannungsreiche Divergenz zwischen der Präzision des Erkennens und der Unmöglichkeit eines eindeutigen Wiedererkennens eigen. So klar fassbar sich die exakt umrissenen Formfindungen der Wahrnehmung auch darbieten, so wenig scheinen als ikonische Informationsträger einer konkreten Lesbarkeit zugänglich. Gleichwohl, und auch teilt sich unmittelbar mit, handelt es sich hier nicht um solcherart abstrakte Strukturen, die auf nichts anderes verweisen als auf sich selbst und von denen die Kunst in der jüngeren Geschichte etliche hervorgebracht hat. Wie Schattenwürfe einer seltsam vertrauten, und doch rätselhaften Welt setzen Sauls bildnerische Schöpfungen vielfältige assoziative Prozesse in Gang, die mal an Figuratives, mal an die Tier- oder Pflanzenwelt oder auch an die Bildwelten des Comics heranreichen.

Die Arbeiten Volker Sauls erweisen sich als in vielerlei Richtung offene visuelle Angebote und die Bilder, die wir darin erblicken, kommen nicht zuletzt aus unserem eigenen Inneren. Persönliche Seherfahrungen und Sehgewohnheiten des Betrachters fließen zunehmend ein in einen unabschließbaren Prozess von Sinnableitungen und Sinnzuschreibungen. All dies sind freilich Vorgänge, die sich nicht ausschließlich in Bereichen eines bewusst kontrollierten logischen oder gar verbalen Denkens abspielen. Eine spezifische Qualität der Formbildungen Sauls besteht in ihrer durchaus emotionalen Dimensionen, welche direkte körperliche Befindlichkeiten zu evozieren vermag, die Sympathien oder Aversionen hervorruft, bevor rationale Bestimmungsmuster überhaupt in Anschlag gebracht werden. Höchst treffend sind die Werke Volker Sauls daher von Melanie Weidemüller als „psychoaktive Zeichen“ bezeichnet worden.