Volker Saul - Wasserläufer | Jens Peter Koerver

Ein Bassin ist kein Aufenthaltsort für ein Bild. Auch wenn es sich mühelos über Wasser hält. Ist es ein Bild? Schwimmt es dort, wo sonst allenfalls Spiegelbilder der Wolken, der Umgebung zu sehen sind? Befremdlich ist der Ort, die Lage, ungewöhnlich der Blick von oben auf ein kaum überschaubares, extrem gestrecktes Geviert, eine Bildstrecke, die umschritten werden muss, um nach und nach gesehen zu werden, ohne das es ein klares Oben oder Unten, Links oder Rechts gibt.

Ebenso verblüffend wie der Anblick des auf dem Wasser treibende Bildgebildes ist das, was es zeigt: Gleichmäßig verteilt auf leicht grünlichem Blau stehen zahlreiche schwarze, klar umrissene Formen. Sie locken das Auge an, beschäftigen es. Es sind starke Formen, biomorphen Gebilde, die ein visuelles Eigenleben führen, die zu Spekulationen, zu überschießenden Assoziationen verleiten, schließlich dazu, mehr zu sehen, als sichtbar ist: Nicht nur der umgebende Park, das Wasser legen es nahe, in ihnen die Silhouetten (Profile oder Aufsichten?) von im und unter Wasser treibenden Tieren, Pflanzen (oder Mischungen aus beidem) zu erkennen. Das Bassin wäre das Habitat dieser phantastisch geformten Gestalterfindungen, die der Natur ohne weiteres zuzutrauen sind. Es könnten erschreckende Vergrößerungen sonst glücklicherweise unsichtbar bleibender Mikroorganismen sein. Oder sind es doch in Lebensgröße dargestellte ausgestorbene oder noch nicht existierende Spezies? Manche der Formen mögen auch an bizarre Profile mit phantastischen Frisuren, an nachtmaarische Gestalten und hybride Phantasmen erinnern; bedrohlich, grotesk komisch, mitunter auch abschreckend wirken sie alle.

Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Größe, der Individualität ihrer Gestalt, sind ihnen doch einige Merkmale gemeinsam, könnten sie als Angehörige einer Familie oder Art verstanden werden, was Volker Sauls Wasserläufer zu einer – seltsam dimensionierten -biologischen Schautafel macht. Es sind die an Flammen, Gefieder oder Tentakel erinnernden, unterschiedlich weit ausgreifenden, stets leicht geschwungenen finger- oder wurzelartigen Extremitäten, die übergehen in gerundete, beulen- und nasenförmige oder wie eingekerbte Umrissverläufe, die an Flossen oder Kämme denken lassen. Klar und scharf begrenzt sind die Formen, stets in unter leichter Spannung stehenden Bögen verlaufen ihre Konturen, die geprägt sind von Lebendigkeit suggerierenden minimalen Schwüngen und Schwellungen. In ihnen verrät sich selbst noch in der maschinell hergestellten Vergrößerung der bedruckten Folie ihre Herkunft aus der bescheiden dimensionierten Handzeichnung. Die bewegte, frei geführte, die formerfinderische Linie ist der Ursprung dieser detailreichen Gebilde, die Volker Saul in einem Prozess der präzisierenden Ausarbeitung, der Isolierung und Auswahl, des Arrangements (zunächst auf und mit Papier, später am Bildschirm) schließlich zum vielfach vergrößerten, monochrom hinterfangenen Formenensemble dieses schwimmenden Bildobjekts entwickelte.  

Die Beschränkung auf die flächige Silhouette lässt dem Auge Spielräume dieses Formenangebot anzureichern, die schwarzen Flächen zu voluminösen Körpern auszubauen, sie mit weiteren bizarren Details anzureichern, sie zu animieren. Und schließlich nicht nur über Art, Wesen und weiteres Aussehen dieser Gebilde zu spekulieren, sondern auch über das Zu- und Miteinander dieser Geschöpfe: Ist es ein harmonisches Nebeneinander, sind Krümmungen der Körper bloß als Schwimmbewegungen zu verstehen, als schlängelndes, fächelndes Stehen in einer imaginären Strömung oder gibt es Konstellationen, die an Zu- und Hinwendung denken lassen, sind es Jäger-Beute-Relationen, gibt es Kleingruppen, Paare und Vereinzelte in diesem unhierarchischem Kosmos? Mit jedem Schritt, mit jeder Änderung des Blickwinkels  auf Volker Sauls Wasserläufer ergeben sich neue Gesichtspunkte, weitere Lesarten, zeigen sich andere Konstellationen aus denen sich mögliche Antworten ergeben, die bald von wieder anderen abgelöst werden. Auch wenn dieses Bildtreibgut einigermaßen ortsfest im stillen Wasser des Bassins fixiert ist, erweist sich mit der Zeit, beim (wiederholten) Umgang, wie fließend, instabil, wie vieldeutig und unberechenbar Wahrnehmungen und die in sie verwickelten Benennungsversuche, Deutungsmuster und Verstehenswünsche sind.